Geben wir zu früh auf?
Geben wir zu schnell auf?
«Es macht keinen Spass mehr», «Es ist zu anstrengend», «Ich probiere lieber etwas anderes aus.»
Hast du solche Sätze von deinen Kindern schon gehört, wenn sie nach ein paar Wochen feststellen, dass ihr neues Hobby auch eine gewisse Anstrengung erfordert?
Wenn ich auf den aktuellen Arbeitsmarkt blicke, stelle ich fest, dass sich diese kindliche Reaktion darin widerspiegelt.
Mitarbeitende waren noch nie bereiter ihren Arbeitsplatz regelmässig zu wechseln, und auch Führungskräfte werfen vermehrt das Handtuch, wenn es schwierig wird.
Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die um jeden Preis durchhalten wollen – selbst wenn dieser so hoch ist, dass sie ihre Gesundheit gefährden.
Aufgeben oder Durchhalten ist eine sehr komplexe Frage.
Eine klare Empfehlung, wann das eine und wann das andere besser ist, gibt es nicht.
Die Kunst besteht vielmehr darin, richtig abzuwägen – welche Strategien dir dabei helfen, habe ich in meiner aktuellen Newsletter-Ausgabe zusammengefasst.
P.S: Nicht vergessen, zu abonnieren, um keinen Führungsimpuls mehr zu verpassen.
Als Vater beobachte ich oft ein Muster, wenn Kinder neue Aktivitäten ausprobieren, sei es Karate, Fussball oder ein Musikinstrument. Sie starten begeistert, die erste Phase ist oft von Neugier und Spass geprägt. Doch sobald die ersten echten Herausforderungen auftreten, das Training intensiver wird oder die Fortschritte stagnieren, schwindet die Motivation rapide. «Es macht keinen Spass mehr», «Es ist zu anstrengend», «Ich probiere lieber etwas anderes aus.»
Ist das nur eine kindliche Reaktion, oder spiegelt sich hier ein breiteres gesellschaftliches Phänomen wider, das auch unsere Arbeitswelt erfasst hat? Geben wir – als Individuen, als Führungskräfte, als Organisationen – zu schnell auf, wenn es schwierig wird?
Diese Frage drängt sich auf, wenn wir aktuelle Trends in der Arbeitswelt betrachten. Wir sehen Führungskräfte, die ihre anspruchsvollen Positionen verlassen, weil der Druck und die Komplexität überhandnehmen.
Wir erleben eine hohe Fluktuation, bei der Mitarbeitende gefühlt schneller als je zuvor den Arbeitgeber wechseln, oft auf der Suche nach dem nächsten, vermeintlich besseren Karriereschritt oder einer angenehmeren Umgebung. Gleichzeitig kämpfen Unternehmen damit, Talente zu halten und eine Kultur der Beständigkeit und des gemeinsamen Durchhaltens zu fördern.
Ist das Gras auf der anderen Seite wirklich grüner?
Die Rolle einer Führungskraft ist anspruchsvoll. Sie erfordert sowohl strategisches Denken und operative Exzellenz als auch emotionale Intelligenz und Anpassungsfähigkeit. Schwierige Gespräche, unangenehme Entscheidungen und ein hohes Mass an Verantwortung gehören zur Tagesordnung.
Ich habe oft erlebt, dass neue Führungspersönlichkeiten mit grossen Visionen starten, aber angesichts der ersten ernsthaften Widerstände zurückschrecken.
Einige spielen sogar mit dem Gedanken, wieder zurück in ihren «Mitarbeitenden-Status» zu gehen, auch wenn das einen finanziellen Rückschritt bedeutet. Andere wechseln bei den ersten Schwierigkeiten in ein neues Unternehmen. Und dann gibt es noch jene, die sich nur auf die Bereiche konzentrieren, die ohnehin schon gut laufen und sich so aus der Verantwortung ziehen.
Der Gedanke dahinter ist nur allzu menschlich. Wir verfallen oft dem Irrglauben, dass das Gras auf der anderen Seite grüner ist. Das zeigt sich in so gut wie allen Lebenslagen. Wir kennen die Singles, die sich nichts mehr als eine Partnerschaft wünschen, weil das Leben dann einfacher und schöner wird – auf der anderen Seite haben wir die Verheirateten, die sich wünschten, noch einmal so frei und unabhängig zu sein. Mitarbeitende haben eine neue Stelle angetreten in der Hoffnung, dass die Aufgaben erfüllender, die Führungsperson unterstützender und das Team kollegialer ist – nur um vielleicht nach einigen Monaten festzustellen, dass dem nicht so ist. Diese Beispiele liessen auf unendlich viele Situationen übertragen – immer mit der zentralen Frage, ob es besser ist festzuhalten und dranzubleiben oder aufzugeben und weiterzuziehen.
Die gesellschaftliche Dimension
Die Tendenz zum schnellen Aufgeben spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen wider. In einer Welt voller Optionen und sofortiger Belohnungen wird Ausdauer unterbewertet. Social Media zeigt uns ständig Menschen, die scheinbar mühelos Erfolge erzielen. Was wir nicht sehen: die Jahre des Übens, Scheiterns und Wiederaufstehens.
Dies prägt auch unsere Arbeitskultur. Unternehmen beklagen den ständigen Talentabfluss, während Mitarbeitende immer auf der Suche nach dem nächsten, vermeintlich besseren Angebot sind. Führungskräfte geben Positionen auf, sobald der anfängliche Glanz verfliegt und die eigentliche Arbeit beginnt.
Wann ist es besser, aufzugeben und wann sollten wir durchhalten?
Aufgeben hat jedoch zwei Seiten. Einerseits ist es wichtig, eine toxische Umgebung zu verlassen oder ein Projekt zu beenden, das nachweislich nicht funktioniert. Andererseits verpassen wir durch vorschnelles Aufgeben wertvolle Chancen zur persönlichen und beruflichen Entwicklung.
In meiner Arbeit mit Führungskräften habe ich beobachtet, dass die allermeisten Erfolgsgeschichten nicht linear verlaufen. Sie sind geprägt von Rückschlägen, Zweifeln und Phasen, in denen alles hoffnungslos erscheint. Der Unterschied zwischen denen, die erfolgreich werden, und denen, die es nicht schaffen, liegt oft im Durchhaltevermögen.
Die Konsequenzen des voreiligen Aufgebens sind vielschichtig.
Auf persönlicher Ebene:
- Verlust von Tiefgang und Expertise
- Oberflächliches Verständnis vieler Themen statt Exzellenz
- Das Gefühl, nie wirklich angekommen zu sein
Auf Unternehmensebene:
- Hohe Fluktuation und damit verbundene Rekrutierungskosten
- Verlust von institutionellem Wissen
- Mangelnde Kontinuität in der Führung
- Mitarbeitende mit unterdurchschnittlichen Leistungen bleiben unbemerkt, weil Führungskräfte unangenehmen Konfrontationen ausweichen
Eine Führungskraft erzählte mir kürzlich: «Wenn ich früher konsequenter mit leistungsschwachen Mitarbeitern umgegangen wäre, hätte ich mein Team nicht überlastet und wertvolle Zeit gespart. Im Nachhinein wünsche ich mir, ich hätte nicht so früh aufgegeben, wenn schwierige Gespräche anstanden.»
Wann sollten wir durchhalten?
Aufgeben oder Durchhalten ist eine komplexe Frage. Es kann passieren, dass wir zu früh aufgeben oder zu lange an etwas festhalten. Eine glasklare Entscheidung, wann das eine und wann das andere besser ist, gibt es nicht. Aber es gibt einige Anhaltspunkte, die dafürsprechen, durchzuhalten.
- Wenn es um Wachstum geht: Unangenehme Phasen sind oft notwendig für persönliches und berufliches Wachstum. Wenn dich eine Situation herausfordert und zum Lernen zwingt, ist das ein Zeichen zum Durchhalten.
- Bei temporären Hindernissen: Wenn die Schwierigkeiten vorübergehender Natur sind und du eine realistische Chance siehst, sie zu überwinden, lohnt es sich dranzubleiben.
- Wenn du etwas aufgebaut hast: Hast du bereits viel in ein Projekt, eine Beziehung oder eine Position investiert und siehst trotz aktueller Probleme langfristiges Potenzial, kann Durchhalten die richtige Wahl sein.
- Bei wertvollen Zielen: Wenn das Ziel mit deinen Kernwerten übereinstimmt und langfristig bedeutsam ist, rechtfertigt dies oft das Durchstehen schwieriger Phasen.
- Wenn es um Verantwortung geht: Als Führungskraft trägst du Verantwortung für dein Team. Schwierige Gespräche zu führen, Leistung einzufordern und konsequent zu sein, gehört zu deinen Kernaufgaben. Hier aufzugeben bedeutet, deiner Rolle nicht gerecht zu werden.
Wann ist Aufgeben die klügere Entscheidung?
Es gibt auch Situationen, in denen Aufgeben nicht nur legitim, sondern notwendig ist:
- Bei toxischen Umgebungen: Wenn ein Arbeitsumfeld deine psychische oder physische Gesundheit beeinträchtigt, ist Gehen oft die bessere Wahl.
- Bei fehlender Übereinstimmung mit Kernwerten: Wenn du fundamentale ethische Konflikte erlebst, solltest du nicht um jeden Preis durchhalten.
- Nach ehrlicher Evaluation: Wenn du nach sorgfältiger Analyse feststellst, dass ein Projekt oder eine Rolle trotz grosser Anstrengungen nicht funktionieren, kann ein strategischer Rückzug sinnvoll sein.
- Bei besseren Alternativen: Manchmal ist das Festhalten an etwas nicht die beste Nutzung deiner Ressourcen und Talente. Wenn sich deutlich bessere Optionen bieten, die mehr im Einklang mit deinen Zielen stehen, kann ein Wechsel sinnvoll sein.
- Bei Sunk-Cost-Fallacy: Halte nicht an etwas fest, nur weil du bereits viel investiert hast. Die Frage sollte sein: «Würde ich mich heute wieder dafür entscheiden?»
Die Strategie des intelligenten Durchhaltens
Ob du erfolgreich bist, liegt nicht im blinden Durchhalten oder vorschnellen Aufgeben, sondern im intelligenten Abwägen.
Frage dich: Gebe ich auf, weil es wirklich nicht passt, oder nur, weil es gerade schwierig ist? Was sind meine wahren Motive für den Wunsch aufzugeben? Folge ich einem Muster des vorzeitigen Aufgebens?
Die drei Perspektiven
Betrachte deine Situation aus drei zeitlichen Perspektiven:
- Kurzfristig: Wie fühlt sich die Situation jetzt an?
- Mittelfristig: Wie sieht es in 1–2 Jahren aus, wenn ich durchhalte?
- Langfristig: Was bedeutet meine Entscheidung für meine Karriere und persönliche Entwicklung in 5–10 Jahren?
Der Wertebeitrag
Prüfe, ob dein Engagement noch in Einklang mit deinen Werten steht:
- Trägt deine Arbeit zu etwas bei, das dir wichtig ist?
- Kannst du in dieser Position oder diesem Unternehmen noch Wirkung entfalten?
- Entspricht die Kultur deinen ethischen Vorstellungen?
Die Lernkurve
Analysiere deine Lernkurve:
- Lernst du noch Neues, oder stagnierst du?
- Gibt es unerschlossene Entwicklungspotenziale in deiner aktuellen Position?
- Fordert dich die Situation auf eine produktive Weise heraus?
Die Verantwortungsprobe
Besonders für Führungskräfte:
- Füllst du deine Führungsrolle noch aus?
- Scheust du Konflikte, die eigentlich zu deiner Rolle gehören?
- Übernimmst du Verantwortung für die Leistung deines Teams?
Die Fähigkeit, bewusst zu entscheiden
Wechsel und Neuanfänge sind heute für uns normal geworden. Es scheint so einfach wie nie zuvor, einen anderen Weg einzuschlagen, weshalb intelligentes Durchhalten zu einer entscheidenden Kompetenz geworden ist. Es geht nicht darum, blindlings weiterzumachen und dabei auszubrennen oder vorschnell aufzugeben, sondern um die Fähigkeit, zwischen beiden Optionen bewusst zu entscheiden.
Als Führungskraft hast du eine besondere Verantwortung. Du solltest vorleben, dass Durchhalten bei Schwierigkeiten ein Zeichen von Stärke ist. Gleichzeitig solltest du anerkennen, dass strategisches Aufgeben manchmal der klügere Weg sein kann.
Die wertvollsten Erfolge – beruflich wie privat – entstehen selten über Nacht. Sie sind das Ergebnis von Ausdauer, dem Durchstehen von Tälern und der Bereitschaft, auch dann weiterzumachen, wenn es unbequem wird.
Vielleicht sollten wir uns öfter ein Beispiel an unseren Kindern nehmen. Wir ermutigen sie, beim Fussball, Klavier oder Karate dranzubleiben – auch wenn es mal anstrengend oder frustrierend wird. Genau diese Lektion gilt auch für uns Erwachsene: Erst wer durchhält, kann die Früchte seiner Beharrlichkeit ernten.
Ich denke dabei oft an meine eigene Tochter. Schon früh habe ich ihr vermittelt, wie wertvoll es ist, dranzubleiben – und heute erinnert sie mich mit ihrem Einsatz immer wieder daran, wie wichtig Durchhaltevermögen wirklich ist.
Du befindest dich gerade in einer Phase, in der du nicht weisst, ob du durchhalten oder aufgeben sollst?
Ein persönliches Leadership Coaching mit einem neutralen Gesprächspartner hilft dir dabei, beide Optionen abzuwägen. Gerne können wir in einem unverbindlichen Kennenlerntermin darüber sprechen, was dich gerade beschäftigt.



